Ab dem zweiten Jahr Was versteht man unter „Sensorischer Integration“?

Sensorische Integration bzw. deren Störung ist ein Begriff bzw. eine Theorie, die von der Entwicklungspsychologin und Ergotherapeutin, Anna Jane Ayres, (Sensory Integration and the Child. Western Psychological Services, 1970) eingeführt wurde . Darunter versteht man die Fähigkeit, Sinneseindrücke, also Hören, Sehen, Schmecken, Riechen, Tasten, Gleichgewicht, Tiefensensibilität, im „optimalen Messbereich“ zu erfassen und zu „höheren“ Konzepten zu verarbeiten. Sensorische Integration ermöglicht, die Um-Welt und ihre Veränderungen zu erfassen und zu verstehen, Funktionskonzepte aufzubauen und zu verfeinern und zielgerichtet zu auf Signale und Veränderungen der Umwelt zu reagieren.

Störungen in diesen Bereichen führen zu vermehrter Reizbarkeit bei Überstimulation, zu verminderter Reizantwort bei Unterstimulation bzw. zu einem Wechsel dieser Zustände bei so genannten Modulationsstörungen bzw. zur Unmöglichkeit, weitere Reize aufzunehmen bei so genannten Kanalkapazitätsproblemen. Damit verbunden sind aber auch Schwierigkeiten beim Erlernen von Funktionen und Tätigkeiten wie Klettern, Schaukeln, Radfahren, aber auch Zeichnen. Weiters können erhöhte Ablenkbarkeit und Vermeiden von Tätigkeiten, die eine entsprechende Rückmeldung (Rückkoppelung) durch Sinneseindrücke benötigen, betroffen sein, also z.B. Probleme beim Dosieren der Muskelkraft, Erfassen von sozialen Situationen usw.

Im Säuglings- und frühen Kleinkindalter führen diese Probleme zu „Regulationsstörungen“, die sich in vermehrtem Schreien, Interaktions-, Schlaf- und Fütterproblemen äußern können, später zu Verhaltensauffälligkeiten (Schwierigkeiten bei der Integration in die Kindergartengruppe, Vermeiden bestimmter Tätigkeiten, verzögertem Erlernen von motorischen und grafomotorischen Funktionen wie Klettern, Zeichnen, Radfahren, und aggressivem Verhalten). Sensorische Integrationsstörungen sind auch häufig mit Aufmerksamkeitsdefizit – Hyperaktivitätsproblemen vergesellschaftet. Als Spätfolgen können soziale Probleme, Leistungsverweigerung, dissoziales Verhalten und Depression entstehen.

Diagnose und Therapie sind die Spezialität besonders ausgebildeter ErgotherapeutInnen. Bei Verdacht hilft Ihnen Ihre KinderärztIn gerne weiter.

Univ. Prof. Dr. Christian Popow ist Facharzt für Kinder- u. Jugendheilkunde und für Kinder- und Jugendneuropsychiatrie, Psychotherapeut in Ausbildung unter Supervision (kognitive Verhaltenstherapie) derzeit tätig an der Univ. Klinik für Psychiatrie des Kindes- u. Jugendalters und an der Interdisziplinären Tagesklinik der Univ. Klinik f. Kinder- u. Jugendheilkunde Wien

Spezialgebiete: Sozialpädiatrie, Kinder- u. Jugendpsychiatrie, Entwicklungspsychologie, Neonatologie, angewandte Computerwissenschaften
weitere Informationen